Pixels & Purpose

Adobes UI-Problem: Wenn Design-Tools Design verlernen

Warum die Creative Cloud ein Interface-Museum ist – und ob Spectrum 2 das endlich ändert

Das User Interface ist die Brücke zwischen Mensch und Maschine – und Adobe hat sie in dreißig Jahren nie richtig ausgebaut.
Ironisch, oder? Ein Unternehmen, das Design verkauft, aber es in seinen eigenen Produkten kaum lebt.

 

Egal ob InDesign, Photoshop, Illustrator oder Lightroom – alle Programme fühlen sich ungleich an, teilweise fast schon fremd voneinander. Die Adobe Creative Cloud Desktop-App ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber lässt sich dieser Ansatz auch auf die eigentlichen Produktionsprogramme übertragen?

 


Das Grundproblem

Meine Standard-Arbeitsprogramme sind seit über zehn Jahren Photoshop, Illustrator und InDesign – eigentlich solide, ausgereifte Tools.
Und doch sind sie in Menüführung, Aufbau und „Feeling“ so unterschiedlich, dass ein fließender Workflow kaum ohne Denkunterbrechung möglich ist.

 

Das Problem fängt oben an – bei der Menüleiste.
Illustrator hat einen Home-Button, Photoshop nicht.
InDesign hat Menüs, die aussehen, als wären sie aus den frühen 2000ern.
Und jedes Mal, wenn ich zwischen den Programmen wechsle, fühlt es sich an, als würde ich in eine andere Zeit reisen.

 

 

 


Drei Programme mit jeweils drei unterschiedlichen Menüleisten – Verwirrend, inkonsequent, nervig.

 

Auch die Menüstrukturen sind ein UX-Albtraum:
Im „Datei“-Menü sind gleiche Funktionen an völlig unterschiedlichen Stellen.
„Bridge durchsuchen“? Mal oben, mal unten, mal mittendrin.
„Neu aus Vorlage“? Nur in Illustrator sinnvoll einsortiert.
Diese Inkonsequenzen ziehen sich durch alle Ebenen – bis hin zu den Icons, Panels und Tastenkürzeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch die Menüstrukturen sind unterschiedlich und – zumindest bei den meisten Feldern – in unterschiedlichen Reihenfolgen

 

Das Ergebnis:
Ein fragmentiertes Nutzererlebnis, das jedes Mal mentale Reibung erzeugt.
Und das, obwohl Adobe seit Jahren predigt, wie wichtig einheitliche Designsysteme sind.

 


Ein Hoffnungsschimmer: Spectrum 2

Adobe weiß, dass da was im Argen liegt – und genau hier kommt Spectrum 2 ins Spiel.
Spectrum war Adobes Designsystem, eingeführt 2013 mit dem Ziel, dass sich alle Produkte „nach Adobe anfühlen“.
Mit Spectrum 2 hat das Unternehmen nun die bisher größte Überarbeitung dieses Systems vorgestellt – ein Neuanfang, der dringend nötig ist.

 

Die Zielgruppe hat sich nämlich stark verändert:
Adobe entwickelt längst nicht mehr nur für Desktop-Profis, sondern auch für Web, Mobile und sogar Mixed Reality.
Das UI-System musste also mitwachsen.

 


Was sich mit Spectrum 2 ändert

1. Barrierefreiheit & Inklusion

  • Bessere Kontraste und Lesbarkeit für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen

  • Anpassbare Dichte und Kontrastoptionen in allen Programmen

  • Überarbeitete Farbvisualisierungen, um Farbsehdefiziten besser gerecht zu werden

 

2. Ausdrucksstärke & freundlichere Interfaces

  • Weg vom tristen Grau hin zu helleren Farben, abgerundeten Ecken und weicheren Formen

  • Neue, geometrische Illustrationssysteme und sympathischere Icons

  • Mehr emotionale Wärme, weniger technisches Werkzeuggefühl

 

3. Plattformübergreifende Konsistenz

  • Spectrum 2 funktioniert von Anfang an auf Web, Desktop, Mobile und XR

  • Gleichzeitig soll sich jedes Interface der jeweiligen Plattform „heimelig“ anfühlen

  • Farb- und Markenfarben treten stärker hervor, damit die Adobe-Produktfamilie visuell erkennbarer zusammenwächst

 

4. Visuelle Details

  • Neue Icons mit klarerer Formensprache

  • Mehr Markenfarbe, mehr Kontrastoptionen

  • Panels und Werkzeugleisten mit runden Ecken und besserer Hierarchie

 


Erste Umsetzungen – und ein kleiner Dämpfer

Die Webversion von Adobe Photoshop ist eines der ersten Produkte, das komplett auf Spectrum 2 basiert.
Und ja: Sie wirkt frisch, rund, modern.
Viele der oben genannten Elemente sind spürbar – ein Interface, das endlich 2026 statt 2010 atmet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Photoshop-Web Version wirkt frisch aber zu sehr wie eine App. Für die Desktop-Anwendungen muss ein Zwischenweg gefunden werden.

 

Aber:
Diese neue Optik erinnert teilweise stark an Adobe Express, und das ist nicht für jeden ein Kompliment.
Ein wenig zu verspielt, zu „App-ig“.
Ich hoffe, Adobe findet für die Desktop-Anwendungen einen gesunden Mix aus professionellem Arbeitsumfeld und einem modernen, klaren, lebendigen Interface.

 

Der Rollout von Spectrum 2 begann Anfang 2024 mit den Web-Produkten.
Wann – und in welcher Form – die Desktop-Programme folgen, ist bisher unklar.
Adobe beschreibt Spectrum 2 selbst als ever-changing system, das sich fortlaufend weiterentwickeln soll.
Klingt gut – sofern dieser Anspruch wirklich gelebt wird.

 


Fazit: Zwischen Hoffnung und UI-Museum

Ich liebe die Tools von Adobe – aber sie fühlen sich an wie ein perfekt gepflegtes Oldtimer-Museum.
Schön, zuverlässig, aber alles andere als modern.
Absolute Inkonsistenz innerhalb der Suite sorgt für unnötige Reibung, Denkpausen und Verzögerungen im Arbeitsfluss.

 

Eine durchgehende Menüstruktur (erweitert um programmspezifische Funktionen) würde das parallele Arbeiten enorm erleichtern.


Und vielleicht – vielleicht – schafft Spectrum 2 genau das:
Ein visuell einheitliches, zugängliches und emotional intelligentes UI, das Designer nicht mehr bremst, sondern inspiriert.

 

Wenn Spectrum 2 es schafft, die Brücke zwischen Technik, Emotion und Alltag zu schlagen, könnte das der Beginn eines neuen Design-Zeitalters bei Adobe werden.
Aber bis dahin bleibt jedes „Datei“-Menü ein kleiner Reality-Check.

 

 

 


Was denkst du?

Wie empfindest du die aktuelle Adobe-UX und was wünschst du dir für den Spectrum 2-Rollout auf Desktop?
Ich freue mich über Kommentare, Meinungen und Rants – gern auch hitzig. 😄

J

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